Immer wieder stelle ich fest, wie sehr Burnout/ Burnoutgefahr in der Pflege (aber wohl nicht nur dort) ein Tabuthema ist. Viele denken ein Burnout bekommen nur "Tachinierer" oder solche die halt wenig belastbar sind.
Doch ganz das Gegenteil ist der Fall. Burnoutgefährdet sind jene, die besonders engagiert sind. Unsere Leserin Nicole hat das Thema erst kürzlich zu einem Beitrag von Rudolf angesprochen.
Ich freu mich daher darüber heute berichten zu können, daß es Seniorenheime gibt, die dieses Thema Burnout sehr offensiv angehen.
Ein Bericht aus einem Highlight meines beruflichen Alltags sozusagen:
Im November habe ich für ein Seniorenheim in Salzburg drei Sensibilisierungs-Seminare zum Thema Burnout gehalten. An dem Seninare teilgenommen haben alle MitarbeiterInnen aus den Bereichen Pflege, Reinigung, Küche und Verwaltung inklusive aller Führungskräfte. Das ist extrem selten, daß ein Haus so breit schult. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut.
So wurde Burnout in diesem Seniorenheim zum Thema. So wurde Burnout in diesem Haus auch aus dem Tabu geholt. Möglich war das nur, weil sowohl die Heimleitung, wie auch der zuständige Gemeindeverband das Thema Burnout wahrnimmt und als wichtig empfindet. Die Führungskräfte in diesem Haus waren in den letzten Monaten immer wieder mit Burnout-gefährdeten MitarbeiterInnen konfrontiert und fühlten sich hilflos. Wie mit dem Thema umgehen? Wie eine vermutete Burnout-Gefahr ansprechen? Wie mit der Abwehr einer betroffenen KollegIn umgehen?
In meinen Sensibilisierungsseminaren wird Burnout zum Thema gemacht. Es werden die Grundlagen von Burnout vermittelt wie Warnsymptome, Risikofaktoren und die Phasen des Burnout. Es geht um private Risikofaktoren und um Energiereserven/ Energiespender im Privatleben. Es wird den Energiespendern im Beruf nachgegangen, den beruflichen Erfolgen. Es geht um Methoden, wie man trotz Engagement im Lot bleiben kann. Und es werden strukturelle Probleme in der Einrichtung, die sich negativ auf Energie und Wohlbefinden im Beruf auswirken, erhoben.
Die Seminare waren inhaltlich sehr spannend und dicht.
Auch technisch war ich gefordert- denn einmal hat eine gehörlose Kollegin teilgenommen und das gesamte Seminar wurde von zwei Gebärdendolmetscherinnen begleitet. Für mich ein interessantes Novum!
Das Seniorenheim hat sich nun nach den Seminaren entschlossen weiter zu arbeiten. Im Jahr 2010 will man die von den MitarbeiterInnen genannten strukturellen Probleme bewerten und angehen. Geplant sind in Folge Workshops und Arbeitsgruppen.
Besonders hervorzuheben ist bei dem Projekt der zuständige Gemeindeverband. Es wurden nicht nur die gesamten Kosten- Referentinnenkosten und Arbeitszeit- übernommen. Völlig überraschend hat auch der Bürgermeister an dem Sensibilisierungsseminar zum Teil teilgenommen und richtig mitgearbeitet. Ich fand das großartig!
So macht mir Arbeiten Spaß....;-)
Sonja, DGKS
Hab jetzt doch noch beschlossen heute meinen ersten Beitrag zu schreiben und somit meinen gestrigen Nachtdienst revue passieren zu lassen.
(Hier noch eine kurze Beschreibung zu meiner Person. heiße Barbara, bin OP-Schwester im geburtshilflichen Bereich. Hauptaufgaben bei uns : Sectios(Kaiserschnitte), Cürretagen aller Art ( bis auf Fristenlösungen), Hysteroskopien und Laparoskopien! Ebenso helfe ich im Kreißzimmer oder benachbarten Kinder - OP aus. )
Meine Kollegin Ruth & ich saßen mit der Anästhesie DGKS Sabrina zusammen, sprachen über unsere neue Chefin, die heute nach einem Hearing bestimmt wurde. Ab 1.1.10 werden wir OP Schwestern und Anästhesie Schwestern zusammengelegt und nur mehr eine Chefin haben. Wir wogen Vor- und Nachteile ab, bevor ein eigenartig hoher schriller Ton unser Gespräch unterbrach, der mir bisher unbekannt war. Ich sagte noch...."was ist das für ein furchtbarer Ton"... da schreckte meine Anästhesie-Kollegin auf und schrie..."HERZALARM" !! Meine Kollegin Ruth und ich schnellten ebenso auf, und liefen Sabrina nach.... ins Kreißzimmer. Dort liefen dann auch schon die Gynäkologen , Anästhesisten , Kinderärzte , Neonatologie Schwestern , sowie die Hebammen zusammen.
Ein in der 28.Schwangerschaftswoche frühgeborenes Baby lag da, 2 Neonatologie Schwestern rundherum, die eine beatmete das Kleine mit einer Mini-Maske ,die andere machte eine Herzdruckmassage. Alle standen wie gebannt da. sooft erleben wir das Gottseidank nicht. Genau genommen war das das erste Mal, dass ich zu einer Reanimation eines soooo kleinen Zwerges dazukam. Es standen an die 15 Kollegen rund herum, jedoch so still hab ich das Kreißzimmer noch nie erlebt..
Der diensthabende gynäkologische Oberarzt rief in die Stille rein..."wer ist bei der Mutter..., wer ist bei IHR " ??? sogleich liefen 2 Hebammen wieder zurück zur Mutter , die zu der gleichen Zeit von der Assistenz- Gyn.- Ärztin und einer Schülerin betreut wurde.
Ich stand wie versteinert da, sah den Kollegen zu, wie sie das Kleine reanimieren.. Ruth ging es nicht anders. bis sie nach meiner Hand griff und leise sagte..."hier sind so viele, ich muss hier weg.., gehen wir"!
Wir gingen zurück in den OP. die Gedanken von dem Kleinen ließen uns nicht los. Wir haben ein klein wenig Arbeit gesucht, von Privatem zu reden begonnen. Nach einigen Minuten kehrte auch Sabrina zurück zu uns... der Kleine sei nun intubiert auf die Neo-Intensiv gebracht worden... !
Bis Mitternacht war im Kreißzimmer einiges los. 2 Mädchen und 1 Bub kamen zur Welt. Gottseidank ohne operative Eingriffe oder weitere Zwischenfälle !
Danach kehrte Ruhe ein, die zwischendurch von süßem Babygeschrei, freudigem Gelächter und stolzen telefonierenden Vätern unterbrochen wurde.
Bis zur Dienstübergabe in der Früh hatte sich das Kreißzimmer dann schon wieder gefüllt und wieder tigerten werdende Väter nervös durch die Gänge !
Barbara, DGKS
DGKSBarbara - 20. Nov, 18:21
Es ist wirklich sehr interessant von Kollegen aus verschiedenen Bereichen, Städten Berichte zu lesen.
Ich arbeite in einem "Frauen - und Kinder OP" , bin eigentlich nur im geburtshilflichen Bereich zu finden, helfe aber auch im Kinder-OP aus
... und bald berichte ich hier über meinen Arbeitsalltag.
Barbara, DGKS
Lange nichts mehr geschrieben habe ich! Aber zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen, daß ich im November sehr gut gebucht bin und von Seminar zu Seminar flitze. Außerdem bin ich noch wie wild am Akquirieren- die Pflegeeinrichtungen machen jetzt die Bildungsplanungen und erstellen die Budgets - wenn ich jetzt nicht präsent bin, mich vorstelle, dann hat das Seminar jemand anderer bekommen!
Tja, das ist der große Unterschied zwischen Anstellung und Selbständigkeit. Ihr Angestellten japst vor lauter Arbeit. Wir Selbständigen müssen uns die Arbeit erarbeiten, jedes Jahr. Hat alles Vor- und Nachteile!
Aber kommendes Jahr siehts bei mir gut aus. Ich hatte noch nie so viele fixe Buchungen schon im November fürs Folgejahr wie heuer. Yeeeyypeeeyy ;-)
Jetzt halte ich noch Seminare bis Ende November. Dann kommt die stille Zeit: Planungen fürs kommende Jahr stehen an, Vorbereitungen aller Art, außerdem kleine Packerl machen und vorbeibringen für meine TopkundInnen, Weihnachtskarten schreiben.....etc.
Heuer mach ich mir auch privat einen schönen Advent, so richtig mit Keksebacken und Glühweinabenden. Hab ich mir fest vorgenommen. Selten zuvor, daß ich so ruhig ins neue Jahr gegangen bin. Das muss ich auch gebührend geniessen.
Bis bald!
Sonja, DGKS
Aus meinem Ambulanztagebuch
Montagnachmittag, 16.00 Uhr
„Wissen Sie, mein Sohn feiert heute seinen Vierziger, und da ist die Familie zusammengekommen.“
Die etwa siebzigjährige Dame wollte Getränke aus dem Keller holen und ist auf der Treppe ausgerutscht. Sie ist etwas mollig und atmet schwer, und der Nagellack hat den selben Ton wie die lila Seidenbluse, nur etwas dunkler.
Sie konnte zwar wieder aufstehen, hat aber jetzt massive Schmerzen in der linken Schulter, ausstrahlend in den ganzen Arm.
Der Sohn hat das das Rote Kreuz verständigt, Begleitperson ist keine mit.
Im Röntgen sieht man, dass der Oberarm gebrochen ist, gleich unterhalb der Oberarmkugel. Nichts verschoben, nichts zu operieren, das muss von allein heilen. Das Problem sind die Schmerzen. Ich suche einen passenden Schulterverband.
Da die Dame im selben Haus wie Sohn und Schwiegertochter lebt, glaubt sie, dass sie daheim zurechtkommt. Ganz sicher sogar, sie will auf keinen Fall hierbleiben! Sie kriegt noch eine Schmerzinfusion, außerdem ein Rezept für Schmerztropfen und ich rufe die Kreuz-Ritter.
Irgendwie ahne ich, dass die Sache noch nicht abgeschlossen ist...
„Sind Sie noch bei Trost – uns die Mutter in so einem Zustand heimzuschicken? Wie haben Sie sich denn das vorgestellt, Herrschaft noch mal?“
Der wütende Anruf kommt eine halbe Stunde später. Offensichtlich bei der Familienfeier gestört.
Also, sowas sei ihnen noch nie untergekommen! Das wird eine Beschwerde geben, der Bürgermeister ihrer Gemeinde ist ein Freund der Familie, und ein Onkel ist im Landtag, und der wird dann mit unserem Primar… und überhaupt ist diese Ambulanz eine Frechheit, da hätten sie noch nie was Gutes gehört, und da wird es Zeit, dass einmal einer ...!
Und dann will er noch wissen, welcher Trampel denn hier heute Dienst hätte.
Ich halte den Hörer etwas vom Ohr weg und somit auch den lauten und aggressiven Menschen auf der anderen Seite.
Warum regt er sich so auf, WAS regt ihn so auf? Was für einen Grund hat er, so unhöflich mit mir zu reden? Gibt es überhaupt jemals einen Grund, einem anderen gegenüber so unhöflich zu sein?
Als er mir barsch erklärt, dass wir hier schließlich von seinen Steuergeldern bezahlt werden und den Primararzt verlangt, gebe ich das Handy wortlos an J. weiter. Als der Arzt etwas fragt, legt der Anrufer einfach auf.
Dass die Mutter auf eigenen nachdrücklichen Wunsch heimgeschickt wurde spielt hier keine Rolle.
Eine knappe Stunde später ist die Dame wieder da, mit dem Roten Kreuz, lächelt uns entschuldigend und leicht gequält an. Ich weiß jetzt nicht genau, was ihr so peinlich ist.
Dass sie sich gegen ihre Liebsten nicht durchsetzen konnte? Dass sie so naiv war und gedacht hatte, sie käme daheim zurecht? Dass sie so naiv war und gedacht hatte, Sohn und Schwiegertochter würden ihr beistehen?
Die drei Frauen im Schlepptau beäugen uns finster und stumm, der Anrufer von vorhin hat die Mühe, hierher zu kommen, nicht auf sich genommen.
Diesmal wollen sie sicher gehen, dass alles ihren Wünschen gemäß klappt. Gefälligkeitsmedizin. Und wir belegen das vorletzte freie Frauenbett.
Außerdem kann ich gleich ein Protokoll schreiben, und J. und ich werden es abzeichnen und morgen an unsere Vorgesetzten schicken, denn die Beschwerde kommt sicher, und da ist es gut, wenn von unserer Seite her alles dokumentiert ist.
Ich fahre die Dame auf die Station und jetzt findet sie auch ihre Sprache wieder.
„Ach, wissen Sie, mein Sohn ist nicht immer so. Er hat vor zwei Monaten seinen Job verloren und findet keine neue Arbeit. Die Wirtschaftskrise...“
In meinem Kopf dreht sich ein Rädchen, dann noch eins - und schlagartig fällt mir alles wieder ein! Natürlich! Ihr Sohn war einige Wochen in den Schlagzeilen der lokalen Presse, weil er Gelder veruntreut hatte! Er wurde von seiner Firma gefeuert, und die Gerichtsverhandlung steht noch aus. Die Sache hat viel Staub aufgewirbelt.
Schade, dass ich das vorhin noch nicht gewusst habe.
Dann hätte ich ihm gesagt, dass es mir nichts ausmacht, dass ER von MEINEN Steuergeldern lebt, aber dass er ruhig höflicher mit uns allen reden darf. Wir tun es schließlich auch.
Wahrscheinlich hätte er mir aber sowieso nicht zugehört.
DGKS Christine
Drei hintereinander folgende Wochenenddienste in der Ambulanz und fünf Tag-12er innerhalb der vergangenen Woche. Rotgeränderte Augen, von der trockenen Heizungsluft, die zur Frage herausfordern: Hast du geweint?!?
Der Frager wartet die Antwort nicht ab und schlurft weiter.
Fordernde, unzufriedene Patienten, die jede Behandlung in Frage stellen und aus Prinzip in der Notaufnahme erscheinen. Am Vormittag sind die Wartezeiten meist länger.
Grantige, aufgebrauchte Ärzte, die schon lang vergessen haben, weswegen sie diesen Beruf gewählt haben. Ein Samstagsdienst heißt, dass sie zwei Wochen durcharbeiten. Sie beneiden das Pflegepersonal um deren Dienstform.
Im Lift ein gerade zum-Vater-gewordener Mann, eingefallene Wangen, Drei-Tage-Bart, müder Blick. War wahrscheinlich eine anstrengende Geburt.
Eine kränkelnde Kollegin, die eigentlich ins Bett gehört, aber sich in die Arbeit schleppt, weil sie das Team nicht „hängen lassen“ will. Lieber steckt sie alle an.
Eine andere ist wirklich krank, sie fällt also für einen 12er und zwei Nachtdienste aus. Es ist mühsam, für diese Dienste einen Ersatz zu finden.
Am freien Tag, den ich so dringend gebraucht hätte, muss ich einspringen, dann stellt sich heraus, dass wenig los ist und ich kann um elf Uhr vormittags heimgehen. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte in der Früh ausschlafen können.
Im Kühlschrank daheim nur abgelaufene Milch, zwei verschrumpelte Karotten und einige Käse-Ecken, aber einkaufen gehen freut mich nicht. Fertig-Pizza.
Ich überlege, ob ich als Schwester auf einem Kreuzfahrtsschiff anheuern soll. In der Karibik. Blöd nur, dass ich immer seekrank werde.
Auf der Station begegne ich KollegInnen mit dem Tunnelblick: gerade aus schauen, nur nicht zu viel wahrnehmen. Keine zusätzlichen Informationen, denn die haben nirgendwo Platz. Heimlich wünschen sie sich die Schweinegrippe, um der Anstalt fern bleiben zu können. Kein Wunder, dass sich so wenige dagegen impfen lassen.
Draußen scheint die Novembersonne. Eine Ärztin sagt: Diese Herbstsonne, das ist doch das Letzte!! Und dreht die Jalousien herunter. Sie fühlt sich geneppt von ihr, weil sie etwas vortäuscht, was sie nicht halten kann.
Gedanken sind frei, aber meine sind trüb und verhangen. Dem November angepasst. Leider scheint die Sonne durchs schlierige Fenster, weil ich die Jalousien wieder hochgezogen habe. Das ergibt irgendwie ein unstimmiges Bild.
Aber morgen -für morgen da ist richtig schlechtes Wetter angesagt. Kalter Wind und Regen bis Schneeregen.
Da passt dann wieder alles zusammen. Das Innere zum Äußeren.
Mich fröstelt.
DGKS Christine
Gestern - manchmal..
Eingesprungen -
Schülerin - sehr schwierig ..
Neue Kollegin - sehr bedacht -
Verantwortung -
Belastung - will und wie weit kann ich sie tragen?
Dann geh ich nach dem ofiziellen Dienstschluß nach Hause -
Finde Abends nur schwer Ruhe ...
Ist im Kathetersackerl auch wirklich Urin drinnen ??
Funktioniert die Informationsweitergabe ??
Heute - Tag in trägem Dasein.
Wir stemmen uns mit viel viel Kraft gegen all die einstürzenden Unzulänglichkeiten. Beginnend bei den Eigenen. Immer wieder bedarf es früh morgens oder spät Abends, egal ob zum Tag oder Nachtdienstbeginn einer Überwindung während der Dienstübergabe all das auf und anzunehmen was da auf einen zukommt. Die eigenen Probleme sind spätestens in der Gardarobe mit in den Spind zu hängen.
Umso weniger das gelingt, umso mehr Vermischung geschieht, umso mehr Vermischung da ist- umso mehr merken es die Bewohner - manchmal, so wie vorgestern z.B.: sagte eine Bewohnerin, die selbst meine Hilfe benötigt, sie mache sich um "meine Gesundheit" sorgen. Da bin ich dann dankbar verwundert, daß es auch Menschen gibt die mich sehen...
L.G.Rudolf.
Ein Montag Nachmittag im September
Hausverstand ade
„Ich hab schon Aloe vera drauf getan.“
Ein Hundebiss. Die junge Dame, deren Spaniel sie gestern in den Mittelfinger gebissen hat, hält uns den geschwollen Mittelfinger entgegen. Der ist überwärmt, gerötet und schmerzt. Es sieht nicht so aus, als wäre Aloe vera hier das Mittel der Wahl, auch wenn es sonst für Vieles ein probates Mittel ist.
Die Dame beäugt kritisch die Fingerschiene, die ich über den Verband anwickle.
„Was… aber… ja, kann ich da morgen schwimmen gehen?!“
Hausverstand ade.
„Wollen Sie Ihre Keime ein bisschen verteilen? Oder neue dazubekommen?“
Sie wirkt verärgert und bereut schon, hergekommen zu sein, das sehe ich ihr an. Aber wenn der Finger so aussieht, muss er ruhiggestellt werden.
„Und das Antibiotikum - muss ich das wirklich nehmen? Geh – das brauch ich nicht!“
Die Dame gehört zu jenen Menschen, die glauben, sie schauen kurz bei uns vorbei und gehen dann geheilt wieder hinaus. Hokuspokus, simsalabim. Ohne Eigenverantwortung, ohne selber etwas dazu beitragen zu müssen.
16.00
Ein Hobbygärtner in Raum vier. Er hat in das Schneidblatt des Rasenmähers gegriffen, eine klaffende Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger, auf die er ein Stück braunes Papier presst.
„Es hat einfach nicht aufgehört zu bluten! Und meine Frau ist nicht da…“
Aha, und allein findet er das Verbandszeug nicht. Er ist dabei, seine Blutgruppe im ganzen Raum zu verteilen, weil er immer wieder das Papier entfernt und nachschaut, ob’s noch blutet. Seine Latzhose ist schon ganz versaut. Ich muss den Mann beinahe nötigen, sich hinzulegen oder wenigstens zu setzen. Er will die Kontrolle behalten und wählt den Hocker.
Prüfend bewegt er Finger und Daumen. „Schaun’s her, ich kann alles bewegen. Die Sehnen haben nix.“
Ist eh super. Aber was veranlasst die Rasen-mähenden Menschen so oft, in diese Messer zu greifen?
„…war ja schon ausgeschaltet… Ich wollte das Messer herausnehmen, reparieren, irgendwas hat sich verklemmt...“
Und dann müssen SIE repariert werden. Ich richte alles her zur Wundversorgung, und der Mann legt sich nun doch hin.
Durchs Fenster fällt das goldene Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne und zaubert Reflexe auf die blanken Instrumente. Sie strahlt heller als die OP-Lampe.
Ein junger Mann, Unfall mit der Flex. Ein Stückchen Eisen hat sich in die Hand zwischen Daumen und Zeigefinger gebohrt. Sieht man schwarz auf weiß im Röntgen.
Der diensthabende Assistenzarzt J. schneidet die verschmutzte Wunde aus, entfernt den Splitter, näht zu, gibt eine Lasche hinein, damit sie nicht vorschnell zuheilt und Sekret abfließen kann.
Entfernung der Lasche in zwei Tagen.
Der Jüngling liegt in seiner Arbeitsmontur auf der Liege, blinzelt in die Sonne, vom Profil seiner knöchelhohen Arbeitsschuhe rieseln Sand und Lehm.
Mit der Tetanusauffrischung warten wir, er sieht zu Hause im Impfausweis nach, wahrscheinlich ist er noch geschützt aus der Schulzeit, und der Tetanusschutz besteht zehn Jahre. Nach derzeitigem Wissensstand.
Impfgegner behaupten, die Gefahr durch einen Autounfall zu sterben sei ungleich größer als durch Wundstarrkrampf. Das kann man nicht so einfach sehen, denke ich.
Wir wissen ja nicht, wie viel Menschen erkranken bzw. sterben würden, wäre die Bevölkerung nicht so durchgeimpft.
„Die Hand tut weh… da…“ Der Zwölfjährige hat sich beim Trampolinspringen unglücklich angeschlagen. Nichts gebrochen, Glück gehabt. Beim Trampolinspringen gibt’s oft ärgere Verletzungen.
Ein anderer kommt mit dem Roten Kreuz. Kleiner Cut am Hinterkopf, im Freibad ausgerutscht, noch herrscht Badewetter, der Bademeister hat die Rettung gerufen.
Der Junge kriegt drei Klammern in die Kopfhaut getackert, und das relativ lange, von Blut verklebte Haar zu reinigen dauert länger als die übrige Prozedur.
DGKS Christine
3 x bin ich nun zwischen den Dämmerungen herumpflegend tätig gewesen. Das Hirnkastl ist außer seinem Rhytmus. Um 4h früh mußt du hunertprozentig funktiontüchtig jeden Einzelnen der mir an die 70 anvertrauten Bewohner besuchen. Manche sind nochmals frisch zu machen. Injektionen und Nüchterntabletten sind zu verabreichen. Lagern. Manche schlaflose Bewohner geistern schon herum...
Und heute sitzt ich herum und .... will etwas tun und bin ziemlich blockiert.
Mir ist schon klar, daß ich nicht der einzige Nachtdienst tuende bin...
L.G.Rudolf.