Grant am Nachmittag
15.30 Uhr, (unfall)chirurgische Ambulanz, ein Mittwoch im Mai
Die beiden Unfallchirurgen verabschieden sich, der ‚Chef-Gipser’ ebenfalls, die Aufnahme-Sekretärin auch.
Ich bin also mit dem Dienst habenden Arzt allein. Der ist jetzt schon frustriert und grantelt vor sich hin, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches.
In meinem Berufs-Dasein habe ich wenige ÄrztInnen erlebt, die während ihrer Arbeit gut drauf sind - am ehesten noch, wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen. Wenn sie noch nicht so ausgelaugt sind von den vielen Anforderungen, Überforderungen, von zu wenig Regenerationsphasen zwischen den Diensten, zu wenig Anteilnahme und Motivation von Seiten ihrer Chefs, wenn sie sich noch über Organisationsmängel hinweghelfen, indem sie sich und anderen etwas beweisen (wollen)…
Aber fragt MICH vielleicht einer, wie’s mir geht? Eben.
Auch wir in der Pflege sind unterbesetzt (nicht nur aus einem subjektiven Gefühl heraus, sondern wahrhaftig, laut Personalschlüssel), in der Pflege findet man derzeit kaum Personal am freien Markt.
Und Anteilnahme und Wertschätzung erfahren wir (außer manchmal von PatientInnen) letztendlich auch nicht viel.
Aber jetzt steht ein dreijähriger Junge vor mir, mit einem Cut am Kinn, hin gefallen am Asphalt.
Ich bitte ihn mitsamt den Eltern herein, bis jetzt hält er sich tapfer, ich sage ihm, dass wir das mit einem Spezial-Uhu kleben, sehe schon die nächsten Verletzten auf der Rot-Kreuz-Liege daher kommen. Zwei Jugendliche, einer liegend, einer sitzend, beide mit dem Moped gestürzt, überall Abschürfungen, mit Steinchen drin, geschwollene Hand, geschwollenes Sprunggelenk, Schmerzen im Brustkorb; der sitzende Bursche hat beide Sturzhelme auf dem Schoß liegen.
Vom anderen Eingang strömt eine Menschenmenge, Vater, Mutter, drei Jungs, alle drei im Fußballdress, der 12jährige humpelt. Ein Spieler der gegnerischen Mannschaft hat ihn gegen das Schienbein getreten.
Eine Dame rauscht um die Ecke und will sofort einen Arzt, sie hält mir ihren pochenden Finger unter die Nase.
Und aus dem Lift beim Notfalleingang hör ich Kindergeplärre, das verheißt auch nichts Gutes.
Schon wieder schiebt das Rote Kreuz ihre Liege aus der Lifttür, diesmal ist es eine ältere Dame mit starken Bauchschmerzen.
Das ist typisch: kaum sind die Kollegen heimgegangen und ich bin allein, wird’s hier stressig.
In Raum 3 ein siebzehnjähriges Mädchen, Schmerzen im rechten Unterbauch. Genau genommen ist es ein Loslass-Schmerz, typisch bei Blinddarmentzündung. Blutabnahme, Ultraschall – alles deutet darauf hin. Sie kriegt eine Nadel in die Vene, eine Schmerzinfusion und ein Nachthemd und ich messe ihren Blutdruck.
Der Blinddarm (der eigentlich ein Wurmfortsatz ist und ziemlich fies werden kann) gehört zu den Dingen, die der Mensch mit sich herumschleppt, ohne sie zu brauchen. Quasi ein entwicklungsgeschichtliches Überbleibsel aus dunkler Vorzeit. Wir kämen wunderbar auch ohne ihn zurecht.
Der diensthabende Turnusarzt wird assistieren, die Operation wird auf 17.00 Uhr angesetzt. Der Chirurg, der heute Dienst hat, steht noch im OP und operiert den Herrn mit Darmverschluss, den wir mittags aufgenommen haben, und rauft sich wahrscheinlich die Haare, wenn er davon hört.
Noch hat er ja welche.
DGKS Christine
Die beiden Unfallchirurgen verabschieden sich, der ‚Chef-Gipser’ ebenfalls, die Aufnahme-Sekretärin auch.
Ich bin also mit dem Dienst habenden Arzt allein. Der ist jetzt schon frustriert und grantelt vor sich hin, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches.
In meinem Berufs-Dasein habe ich wenige ÄrztInnen erlebt, die während ihrer Arbeit gut drauf sind - am ehesten noch, wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen. Wenn sie noch nicht so ausgelaugt sind von den vielen Anforderungen, Überforderungen, von zu wenig Regenerationsphasen zwischen den Diensten, zu wenig Anteilnahme und Motivation von Seiten ihrer Chefs, wenn sie sich noch über Organisationsmängel hinweghelfen, indem sie sich und anderen etwas beweisen (wollen)…
Aber fragt MICH vielleicht einer, wie’s mir geht? Eben.
Auch wir in der Pflege sind unterbesetzt (nicht nur aus einem subjektiven Gefühl heraus, sondern wahrhaftig, laut Personalschlüssel), in der Pflege findet man derzeit kaum Personal am freien Markt.
Und Anteilnahme und Wertschätzung erfahren wir (außer manchmal von PatientInnen) letztendlich auch nicht viel.
Aber jetzt steht ein dreijähriger Junge vor mir, mit einem Cut am Kinn, hin gefallen am Asphalt.
Ich bitte ihn mitsamt den Eltern herein, bis jetzt hält er sich tapfer, ich sage ihm, dass wir das mit einem Spezial-Uhu kleben, sehe schon die nächsten Verletzten auf der Rot-Kreuz-Liege daher kommen. Zwei Jugendliche, einer liegend, einer sitzend, beide mit dem Moped gestürzt, überall Abschürfungen, mit Steinchen drin, geschwollene Hand, geschwollenes Sprunggelenk, Schmerzen im Brustkorb; der sitzende Bursche hat beide Sturzhelme auf dem Schoß liegen.
Vom anderen Eingang strömt eine Menschenmenge, Vater, Mutter, drei Jungs, alle drei im Fußballdress, der 12jährige humpelt. Ein Spieler der gegnerischen Mannschaft hat ihn gegen das Schienbein getreten.
Eine Dame rauscht um die Ecke und will sofort einen Arzt, sie hält mir ihren pochenden Finger unter die Nase.
Und aus dem Lift beim Notfalleingang hör ich Kindergeplärre, das verheißt auch nichts Gutes.
Schon wieder schiebt das Rote Kreuz ihre Liege aus der Lifttür, diesmal ist es eine ältere Dame mit starken Bauchschmerzen.
Das ist typisch: kaum sind die Kollegen heimgegangen und ich bin allein, wird’s hier stressig.
In Raum 3 ein siebzehnjähriges Mädchen, Schmerzen im rechten Unterbauch. Genau genommen ist es ein Loslass-Schmerz, typisch bei Blinddarmentzündung. Blutabnahme, Ultraschall – alles deutet darauf hin. Sie kriegt eine Nadel in die Vene, eine Schmerzinfusion und ein Nachthemd und ich messe ihren Blutdruck.
Der Blinddarm (der eigentlich ein Wurmfortsatz ist und ziemlich fies werden kann) gehört zu den Dingen, die der Mensch mit sich herumschleppt, ohne sie zu brauchen. Quasi ein entwicklungsgeschichtliches Überbleibsel aus dunkler Vorzeit. Wir kämen wunderbar auch ohne ihn zurecht.
Der diensthabende Turnusarzt wird assistieren, die Operation wird auf 17.00 Uhr angesetzt. Der Chirurg, der heute Dienst hat, steht noch im OP und operiert den Herrn mit Darmverschluss, den wir mittags aufgenommen haben, und rauft sich wahrscheinlich die Haare, wenn er davon hört.
Noch hat er ja welche.
DGKS Christine
Pflege in Österreich - 12. Mai, 00:29
