Aus meinem Ambulanztagebuch
Ein Samstag im Januar
Schutzengel im Einsatz
Das Handy läutet wie immer im unpassendsten Moment. Außerhalb der Kernarbeitszeit ist die Aufnahme nicht besetzt und man muss die Ambulanzglocke im Warteraum drücken. Dann schrillt mein Dect-Handy.
„Notaufnahme, bitte schön?“ Ich stehe gerade im Röntgen in der Dunkelkammer.
„Mein Mann hat sich fallen von Leiter ...Kreuz viel weh ...“
„Ja, ich komme gleich. Gehen sie bitte in den Raum zwei mit ihm, er soll sich auf die Liege legen.“
Hoffentlich liegt da noch kein anderer.
Diese Stadt hat … Einwohner, viel Industrie, und da sind naturgemäß viele Gastarbeiter hier. Der Anteil an nicht-österreichischen Staatsbürgern beträgt über sechzehn Prozent; eine Tatsache, die von den Einheimischen verschiedenartig kommentiert wird.
Vielleicht hat der Doc inzwischen die beiden ersten Patienten „angeschaut“, die Schnittwunde genäht - ich hab ihm vorhin jedenfalls alles schön hergerichtet. Er ist ja schon groß und sehr selbständig.
9.00 Uhr
Bei der einen Dame - jener mit den drei Kindern - ist das Brustbein gebrochen. Ich darf also auch noch ein EKG schreiben, denn hinter dem Brustbein liegt irgendwo das Herz, und das könnte Schaden genommen haben.
In diesem Fall glücklicherweise nicht.
Sie bekommt noch ein Schmerzmittel über die Vene und ein Bett.
Die drei Kinder heulen nach wie vor um die Wette, schrill und herzergreifend, jedes in einer anderen Tonlage; diese Situation passt nicht in ihr gewohntes Schema. Der Großvater, der mittlerweile eingetroffen ist, kann sie auch nicht beruhigen und leidet mit ihnen.
Ich bin kurz vor einem Hörsturz.
In Raum drei liegt ein Herr nach Autounfall, der mitgeführte Anhänger ist ihm aufgefahren, er kann sich nicht mehr bewegen, so weh tut ihm alles. Röntgen von der Wirbelsäule, Schmerzinfusion.
Auch er hatte drei Kinder im Fond des Wagens, aber wie durch ein Wunder haben sie alles gut überstanden.
Heute sind wohl alle Schutzengel im Einsatz?
Die Drei stehen rund um ihren Vater und sehen uns interessiert zu: Wie der Doc die Vene punktiert und die Infusion anhängt, wie ich den Blutdruck messe. Alle drei betteln um eine leere Einmalspritze.
„Tut es weh, Papa?“, fragt das etwa sechsjährige Mädchen und meint tröstend:
„Wenn wir daheim sind, kriegst du Palatschinken.“
In Raum vier sitzt die Dame mit Schleudertrauma, für ihren Schwanenhals finde ich mit einiger Mühe eine passende Halskrause; der Kopf soll darauf ruhen, damit sich die Halsmuskulatur entspannt. Sie wartet auf jemanden, der sie und ihr kaputtes Auto abholt und vertreibt sich die Zeit mit telefonieren.
In Raum sechs habe ich die Daten von Mathias in den PC getippt, einem schüchternen Dreizehnjährigen mit Bauchweh. Er spricht wenig und schaut dabei angestrengt woanders hin. In dem Alter sind die Erwachsenen nur Last und Mühsal, und peinlich obendrein! Sein Vater hat ihn hergebracht, auch er gibt keine überbordenden Informationen preis.
Im Gipsraum wartet der fünfzehnjährige Daniel auf den Arzt; er hinkt und humpelt zur Liege. Knie beim Snowboarden verdreht, gestern schon, aber über Nacht ist es ziemlich angeschwollen. Knieröntgen von vorne und von der Seite (die Extremitätenröntgen machen wir in der Ambulanz hier selbst).
„Wie heißt du, bitte?“
„Daniel.“
Auch Daniel spricht kein unnötiges Wort mit mir, auch er ist nicht zum Reden hergekommen.
„Wann bist du geboren, Daniel?“
„21. September.“
Auf seiner Boxershort sind lauter bunte Luftballons abgebildet.
Eine Frau läutet, ihr Finger pocht - nicht zum Aushalten. Die Schatten unter ihren Augen sprechen von einer qualvollen Nacht. Ich bitte sie, Platz zu nehmen, es wird ein bisschen dauern.
Ah ja, und im Warteraum sitzen eine schmerzende Schulter, nach Sturz, und ein geschwollener Mittelfuß, umgeknöchelt, natürlich mit den dazu gehörenden Menschen dran.
Zwischendurch nervt immer wieder das Dect-Handy.
Ich hoffe sehr, dass der Erfinder dieses Teils dafür nicht irgendeinen Preis gekriegt hat!
Was ich an dieser Ambulanz mag, ist, dass „alles“ hier herein kommt – ein kunterbuntes Durcheinander an allgemein Chirurgischem, Unfallchirurgischem und Sonstigem. Diese „Hof- und Wiesen-Chirurgie“ finde ich spannend und abwechslungsreich.
Meistens jedenfalls.
DGKS Christine
Schutzengel im Einsatz
Das Handy läutet wie immer im unpassendsten Moment. Außerhalb der Kernarbeitszeit ist die Aufnahme nicht besetzt und man muss die Ambulanzglocke im Warteraum drücken. Dann schrillt mein Dect-Handy.
„Notaufnahme, bitte schön?“ Ich stehe gerade im Röntgen in der Dunkelkammer.
„Mein Mann hat sich fallen von Leiter ...Kreuz viel weh ...“
„Ja, ich komme gleich. Gehen sie bitte in den Raum zwei mit ihm, er soll sich auf die Liege legen.“
Hoffentlich liegt da noch kein anderer.
Diese Stadt hat … Einwohner, viel Industrie, und da sind naturgemäß viele Gastarbeiter hier. Der Anteil an nicht-österreichischen Staatsbürgern beträgt über sechzehn Prozent; eine Tatsache, die von den Einheimischen verschiedenartig kommentiert wird.
Vielleicht hat der Doc inzwischen die beiden ersten Patienten „angeschaut“, die Schnittwunde genäht - ich hab ihm vorhin jedenfalls alles schön hergerichtet. Er ist ja schon groß und sehr selbständig.
9.00 Uhr
Bei der einen Dame - jener mit den drei Kindern - ist das Brustbein gebrochen. Ich darf also auch noch ein EKG schreiben, denn hinter dem Brustbein liegt irgendwo das Herz, und das könnte Schaden genommen haben.
In diesem Fall glücklicherweise nicht.
Sie bekommt noch ein Schmerzmittel über die Vene und ein Bett.
Die drei Kinder heulen nach wie vor um die Wette, schrill und herzergreifend, jedes in einer anderen Tonlage; diese Situation passt nicht in ihr gewohntes Schema. Der Großvater, der mittlerweile eingetroffen ist, kann sie auch nicht beruhigen und leidet mit ihnen.
Ich bin kurz vor einem Hörsturz.
In Raum drei liegt ein Herr nach Autounfall, der mitgeführte Anhänger ist ihm aufgefahren, er kann sich nicht mehr bewegen, so weh tut ihm alles. Röntgen von der Wirbelsäule, Schmerzinfusion.
Auch er hatte drei Kinder im Fond des Wagens, aber wie durch ein Wunder haben sie alles gut überstanden.
Heute sind wohl alle Schutzengel im Einsatz?
Die Drei stehen rund um ihren Vater und sehen uns interessiert zu: Wie der Doc die Vene punktiert und die Infusion anhängt, wie ich den Blutdruck messe. Alle drei betteln um eine leere Einmalspritze.
„Tut es weh, Papa?“, fragt das etwa sechsjährige Mädchen und meint tröstend:
„Wenn wir daheim sind, kriegst du Palatschinken.“
In Raum vier sitzt die Dame mit Schleudertrauma, für ihren Schwanenhals finde ich mit einiger Mühe eine passende Halskrause; der Kopf soll darauf ruhen, damit sich die Halsmuskulatur entspannt. Sie wartet auf jemanden, der sie und ihr kaputtes Auto abholt und vertreibt sich die Zeit mit telefonieren.
In Raum sechs habe ich die Daten von Mathias in den PC getippt, einem schüchternen Dreizehnjährigen mit Bauchweh. Er spricht wenig und schaut dabei angestrengt woanders hin. In dem Alter sind die Erwachsenen nur Last und Mühsal, und peinlich obendrein! Sein Vater hat ihn hergebracht, auch er gibt keine überbordenden Informationen preis.
Im Gipsraum wartet der fünfzehnjährige Daniel auf den Arzt; er hinkt und humpelt zur Liege. Knie beim Snowboarden verdreht, gestern schon, aber über Nacht ist es ziemlich angeschwollen. Knieröntgen von vorne und von der Seite (die Extremitätenröntgen machen wir in der Ambulanz hier selbst).
„Wie heißt du, bitte?“
„Daniel.“
Auch Daniel spricht kein unnötiges Wort mit mir, auch er ist nicht zum Reden hergekommen.
„Wann bist du geboren, Daniel?“
„21. September.“
Auf seiner Boxershort sind lauter bunte Luftballons abgebildet.
Eine Frau läutet, ihr Finger pocht - nicht zum Aushalten. Die Schatten unter ihren Augen sprechen von einer qualvollen Nacht. Ich bitte sie, Platz zu nehmen, es wird ein bisschen dauern.
Ah ja, und im Warteraum sitzen eine schmerzende Schulter, nach Sturz, und ein geschwollener Mittelfuß, umgeknöchelt, natürlich mit den dazu gehörenden Menschen dran.
Zwischendurch nervt immer wieder das Dect-Handy.
Ich hoffe sehr, dass der Erfinder dieses Teils dafür nicht irgendeinen Preis gekriegt hat!
Was ich an dieser Ambulanz mag, ist, dass „alles“ hier herein kommt – ein kunterbuntes Durcheinander an allgemein Chirurgischem, Unfallchirurgischem und Sonstigem. Diese „Hof- und Wiesen-Chirurgie“ finde ich spannend und abwechslungsreich.
Meistens jedenfalls.
DGKS Christine
Pflege in Österreich - 4. Jul, 13:39

Übersicht -
Da braucht es ein sehr gutes und organisierbares Personengedächtnis !!
Chaos
Aber auch das Chaos verläuft nach bestimmten Regeln und wird immer wieder geordnet. Mit Routine, Teamarbeit, Kreativität und Humor.