Aus meinem Ambulanztagebuch
Ein Montag Nachmittag im September
Hausverstand ade
„Ich hab schon Aloe vera drauf getan.“
Ein Hundebiss. Die junge Dame, deren Spaniel sie gestern in den Mittelfinger gebissen hat, hält uns den geschwollen Mittelfinger entgegen. Der ist überwärmt, gerötet und schmerzt. Es sieht nicht so aus, als wäre Aloe vera hier das Mittel der Wahl, auch wenn es sonst für Vieles ein probates Mittel ist.
Die Dame beäugt kritisch die Fingerschiene, die ich über den Verband anwickle.
„Was… aber… ja, kann ich da morgen schwimmen gehen?!“
Hausverstand ade.
„Wollen Sie Ihre Keime ein bisschen verteilen? Oder neue dazubekommen?“
Sie wirkt verärgert und bereut schon, hergekommen zu sein, das sehe ich ihr an. Aber wenn der Finger so aussieht, muss er ruhiggestellt werden.
„Und das Antibiotikum - muss ich das wirklich nehmen? Geh – das brauch ich nicht!“
Die Dame gehört zu jenen Menschen, die glauben, sie schauen kurz bei uns vorbei und gehen dann geheilt wieder hinaus. Hokuspokus, simsalabim. Ohne Eigenverantwortung, ohne selber etwas dazu beitragen zu müssen.
16.00
Ein Hobbygärtner in Raum vier. Er hat in das Schneidblatt des Rasenmähers gegriffen, eine klaffende Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger, auf die er ein Stück braunes Papier presst.
„Es hat einfach nicht aufgehört zu bluten! Und meine Frau ist nicht da…“
Aha, und allein findet er das Verbandszeug nicht. Er ist dabei, seine Blutgruppe im ganzen Raum zu verteilen, weil er immer wieder das Papier entfernt und nachschaut, ob’s noch blutet. Seine Latzhose ist schon ganz versaut. Ich muss den Mann beinahe nötigen, sich hinzulegen oder wenigstens zu setzen. Er will die Kontrolle behalten und wählt den Hocker.
Prüfend bewegt er Finger und Daumen. „Schaun’s her, ich kann alles bewegen. Die Sehnen haben nix.“
Ist eh super. Aber was veranlasst die Rasen-mähenden Menschen so oft, in diese Messer zu greifen?
„…war ja schon ausgeschaltet… Ich wollte das Messer herausnehmen, reparieren, irgendwas hat sich verklemmt...“
Und dann müssen SIE repariert werden. Ich richte alles her zur Wundversorgung, und der Mann legt sich nun doch hin.
Durchs Fenster fällt das goldene Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne und zaubert Reflexe auf die blanken Instrumente. Sie strahlt heller als die OP-Lampe.
Ein junger Mann, Unfall mit der Flex. Ein Stückchen Eisen hat sich in die Hand zwischen Daumen und Zeigefinger gebohrt. Sieht man schwarz auf weiß im Röntgen.
Der diensthabende Assistenzarzt J. schneidet die verschmutzte Wunde aus, entfernt den Splitter, näht zu, gibt eine Lasche hinein, damit sie nicht vorschnell zuheilt und Sekret abfließen kann.
Entfernung der Lasche in zwei Tagen.
Der Jüngling liegt in seiner Arbeitsmontur auf der Liege, blinzelt in die Sonne, vom Profil seiner knöchelhohen Arbeitsschuhe rieseln Sand und Lehm.
Mit der Tetanusauffrischung warten wir, er sieht zu Hause im Impfausweis nach, wahrscheinlich ist er noch geschützt aus der Schulzeit, und der Tetanusschutz besteht zehn Jahre. Nach derzeitigem Wissensstand.
Impfgegner behaupten, die Gefahr durch einen Autounfall zu sterben sei ungleich größer als durch Wundstarrkrampf. Das kann man nicht so einfach sehen, denke ich.
Wir wissen ja nicht, wie viel Menschen erkranken bzw. sterben würden, wäre die Bevölkerung nicht so durchgeimpft.
„Die Hand tut weh… da…“ Der Zwölfjährige hat sich beim Trampolinspringen unglücklich angeschlagen. Nichts gebrochen, Glück gehabt. Beim Trampolinspringen gibt’s oft ärgere Verletzungen.
Ein anderer kommt mit dem Roten Kreuz. Kleiner Cut am Hinterkopf, im Freibad ausgerutscht, noch herrscht Badewetter, der Bademeister hat die Rettung gerufen.
Der Junge kriegt drei Klammern in die Kopfhaut getackert, und das relativ lange, von Blut verklebte Haar zu reinigen dauert länger als die übrige Prozedur.
DGKS Christine
Hausverstand ade
„Ich hab schon Aloe vera drauf getan.“
Ein Hundebiss. Die junge Dame, deren Spaniel sie gestern in den Mittelfinger gebissen hat, hält uns den geschwollen Mittelfinger entgegen. Der ist überwärmt, gerötet und schmerzt. Es sieht nicht so aus, als wäre Aloe vera hier das Mittel der Wahl, auch wenn es sonst für Vieles ein probates Mittel ist.
Die Dame beäugt kritisch die Fingerschiene, die ich über den Verband anwickle.
„Was… aber… ja, kann ich da morgen schwimmen gehen?!“
Hausverstand ade.
„Wollen Sie Ihre Keime ein bisschen verteilen? Oder neue dazubekommen?“
Sie wirkt verärgert und bereut schon, hergekommen zu sein, das sehe ich ihr an. Aber wenn der Finger so aussieht, muss er ruhiggestellt werden.
„Und das Antibiotikum - muss ich das wirklich nehmen? Geh – das brauch ich nicht!“
Die Dame gehört zu jenen Menschen, die glauben, sie schauen kurz bei uns vorbei und gehen dann geheilt wieder hinaus. Hokuspokus, simsalabim. Ohne Eigenverantwortung, ohne selber etwas dazu beitragen zu müssen.
16.00
Ein Hobbygärtner in Raum vier. Er hat in das Schneidblatt des Rasenmähers gegriffen, eine klaffende Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger, auf die er ein Stück braunes Papier presst.
„Es hat einfach nicht aufgehört zu bluten! Und meine Frau ist nicht da…“
Aha, und allein findet er das Verbandszeug nicht. Er ist dabei, seine Blutgruppe im ganzen Raum zu verteilen, weil er immer wieder das Papier entfernt und nachschaut, ob’s noch blutet. Seine Latzhose ist schon ganz versaut. Ich muss den Mann beinahe nötigen, sich hinzulegen oder wenigstens zu setzen. Er will die Kontrolle behalten und wählt den Hocker.
Prüfend bewegt er Finger und Daumen. „Schaun’s her, ich kann alles bewegen. Die Sehnen haben nix.“
Ist eh super. Aber was veranlasst die Rasen-mähenden Menschen so oft, in diese Messer zu greifen?
„…war ja schon ausgeschaltet… Ich wollte das Messer herausnehmen, reparieren, irgendwas hat sich verklemmt...“
Und dann müssen SIE repariert werden. Ich richte alles her zur Wundversorgung, und der Mann legt sich nun doch hin.
Durchs Fenster fällt das goldene Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne und zaubert Reflexe auf die blanken Instrumente. Sie strahlt heller als die OP-Lampe.
Ein junger Mann, Unfall mit der Flex. Ein Stückchen Eisen hat sich in die Hand zwischen Daumen und Zeigefinger gebohrt. Sieht man schwarz auf weiß im Röntgen.
Der diensthabende Assistenzarzt J. schneidet die verschmutzte Wunde aus, entfernt den Splitter, näht zu, gibt eine Lasche hinein, damit sie nicht vorschnell zuheilt und Sekret abfließen kann.
Entfernung der Lasche in zwei Tagen.
Der Jüngling liegt in seiner Arbeitsmontur auf der Liege, blinzelt in die Sonne, vom Profil seiner knöchelhohen Arbeitsschuhe rieseln Sand und Lehm.
Mit der Tetanusauffrischung warten wir, er sieht zu Hause im Impfausweis nach, wahrscheinlich ist er noch geschützt aus der Schulzeit, und der Tetanusschutz besteht zehn Jahre. Nach derzeitigem Wissensstand.
Impfgegner behaupten, die Gefahr durch einen Autounfall zu sterben sei ungleich größer als durch Wundstarrkrampf. Das kann man nicht so einfach sehen, denke ich.
Wir wissen ja nicht, wie viel Menschen erkranken bzw. sterben würden, wäre die Bevölkerung nicht so durchgeimpft.
„Die Hand tut weh… da…“ Der Zwölfjährige hat sich beim Trampolinspringen unglücklich angeschlagen. Nichts gebrochen, Glück gehabt. Beim Trampolinspringen gibt’s oft ärgere Verletzungen.
Ein anderer kommt mit dem Roten Kreuz. Kleiner Cut am Hinterkopf, im Freibad ausgerutscht, noch herrscht Badewetter, der Bademeister hat die Rettung gerufen.
Der Junge kriegt drei Klammern in die Kopfhaut getackert, und das relativ lange, von Blut verklebte Haar zu reinigen dauert länger als die übrige Prozedur.
DGKS Christine
Pflege in Österreich - 30. Okt, 22:40
