Christine - Ambulanz
Aus meinem Ambulanztagebuch
Montagnachmittag, 16.00 Uhr
„Wissen Sie, mein Sohn feiert heute seinen Vierziger, und da ist die Familie zusammengekommen.“
Die etwa siebzigjährige Dame wollte Getränke aus dem Keller holen und ist auf der Treppe ausgerutscht. Sie ist etwas mollig und atmet schwer, und der Nagellack hat den selben Ton wie die lila Seidenbluse, nur etwas dunkler.
Sie konnte zwar wieder aufstehen, hat aber jetzt massive Schmerzen in der linken Schulter, ausstrahlend in den ganzen Arm.
Der Sohn hat das das Rote Kreuz verständigt, Begleitperson ist keine mit.
Im Röntgen sieht man, dass der Oberarm gebrochen ist, gleich unterhalb der Oberarmkugel. Nichts verschoben, nichts zu operieren, das muss von allein heilen. Das Problem sind die Schmerzen. Ich suche einen passenden Schulterverband.
Da die Dame im selben Haus wie Sohn und Schwiegertochter lebt, glaubt sie, dass sie daheim zurechtkommt. Ganz sicher sogar, sie will auf keinen Fall hierbleiben! Sie kriegt noch eine Schmerzinfusion, außerdem ein Rezept für Schmerztropfen und ich rufe die Kreuz-Ritter.
Irgendwie ahne ich, dass die Sache noch nicht abgeschlossen ist...
„Sind Sie noch bei Trost – uns die Mutter in so einem Zustand heimzuschicken? Wie haben Sie sich denn das vorgestellt, Herrschaft noch mal?“
Der wütende Anruf kommt eine halbe Stunde später. Offensichtlich bei der Familienfeier gestört.
Also, sowas sei ihnen noch nie untergekommen! Das wird eine Beschwerde geben, der Bürgermeister ihrer Gemeinde ist ein Freund der Familie, und ein Onkel ist im Landtag, und der wird dann mit unserem Primar… und überhaupt ist diese Ambulanz eine Frechheit, da hätten sie noch nie was Gutes gehört, und da wird es Zeit, dass einmal einer ...!
Und dann will er noch wissen, welcher Trampel denn hier heute Dienst hätte.
Ich halte den Hörer etwas vom Ohr weg und somit auch den lauten und aggressiven Menschen auf der anderen Seite.
Warum regt er sich so auf, WAS regt ihn so auf? Was für einen Grund hat er, so unhöflich mit mir zu reden? Gibt es überhaupt jemals einen Grund, einem anderen gegenüber so unhöflich zu sein?
Als er mir barsch erklärt, dass wir hier schließlich von seinen Steuergeldern bezahlt werden und den Primararzt verlangt, gebe ich das Handy wortlos an J. weiter. Als der Arzt etwas fragt, legt der Anrufer einfach auf.
Dass die Mutter auf eigenen nachdrücklichen Wunsch heimgeschickt wurde spielt hier keine Rolle.
Eine knappe Stunde später ist die Dame wieder da, mit dem Roten Kreuz, lächelt uns entschuldigend und leicht gequält an. Ich weiß jetzt nicht genau, was ihr so peinlich ist.
Dass sie sich gegen ihre Liebsten nicht durchsetzen konnte? Dass sie so naiv war und gedacht hatte, sie käme daheim zurecht? Dass sie so naiv war und gedacht hatte, Sohn und Schwiegertochter würden ihr beistehen?
Die drei Frauen im Schlepptau beäugen uns finster und stumm, der Anrufer von vorhin hat die Mühe, hierher zu kommen, nicht auf sich genommen.
Diesmal wollen sie sicher gehen, dass alles ihren Wünschen gemäß klappt. Gefälligkeitsmedizin. Und wir belegen das vorletzte freie Frauenbett.
Außerdem kann ich gleich ein Protokoll schreiben, und J. und ich werden es abzeichnen und morgen an unsere Vorgesetzten schicken, denn die Beschwerde kommt sicher, und da ist es gut, wenn von unserer Seite her alles dokumentiert ist.
Ich fahre die Dame auf die Station und jetzt findet sie auch ihre Sprache wieder.
„Ach, wissen Sie, mein Sohn ist nicht immer so. Er hat vor zwei Monaten seinen Job verloren und findet keine neue Arbeit. Die Wirtschaftskrise...“
In meinem Kopf dreht sich ein Rädchen, dann noch eins - und schlagartig fällt mir alles wieder ein! Natürlich! Ihr Sohn war einige Wochen in den Schlagzeilen der lokalen Presse, weil er Gelder veruntreut hatte! Er wurde von seiner Firma gefeuert, und die Gerichtsverhandlung steht noch aus. Die Sache hat viel Staub aufgewirbelt.
Schade, dass ich das vorhin noch nicht gewusst habe.
Dann hätte ich ihm gesagt, dass es mir nichts ausmacht, dass ER von MEINEN Steuergeldern lebt, aber dass er ruhig höflicher mit uns allen reden darf. Wir tun es schließlich auch.
Wahrscheinlich hätte er mir aber sowieso nicht zugehört.
DGKS Christine
Drei hintereinander folgende Wochenenddienste in der Ambulanz und fünf Tag-12er innerhalb der vergangenen Woche. Rotgeränderte Augen, von der trockenen Heizungsluft, die zur Frage herausfordern: Hast du geweint?!?
Der Frager wartet die Antwort nicht ab und schlurft weiter.
Fordernde, unzufriedene Patienten, die jede Behandlung in Frage stellen und aus Prinzip in der Notaufnahme erscheinen. Am Vormittag sind die Wartezeiten meist länger.
Grantige, aufgebrauchte Ärzte, die schon lang vergessen haben, weswegen sie diesen Beruf gewählt haben. Ein Samstagsdienst heißt, dass sie zwei Wochen durcharbeiten. Sie beneiden das Pflegepersonal um deren Dienstform.
Im Lift ein gerade zum-Vater-gewordener Mann, eingefallene Wangen, Drei-Tage-Bart, müder Blick. War wahrscheinlich eine anstrengende Geburt.
Eine kränkelnde Kollegin, die eigentlich ins Bett gehört, aber sich in die Arbeit schleppt, weil sie das Team nicht „hängen lassen“ will. Lieber steckt sie alle an.
Eine andere ist wirklich krank, sie fällt also für einen 12er und zwei Nachtdienste aus. Es ist mühsam, für diese Dienste einen Ersatz zu finden.
Am freien Tag, den ich so dringend gebraucht hätte, muss ich einspringen, dann stellt sich heraus, dass wenig los ist und ich kann um elf Uhr vormittags heimgehen. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte in der Früh ausschlafen können.
Im Kühlschrank daheim nur abgelaufene Milch, zwei verschrumpelte Karotten und einige Käse-Ecken, aber einkaufen gehen freut mich nicht. Fertig-Pizza.
Ich überlege, ob ich als Schwester auf einem Kreuzfahrtsschiff anheuern soll. In der Karibik. Blöd nur, dass ich immer seekrank werde.
Auf der Station begegne ich KollegInnen mit dem Tunnelblick: gerade aus schauen, nur nicht zu viel wahrnehmen. Keine zusätzlichen Informationen, denn die haben nirgendwo Platz. Heimlich wünschen sie sich die Schweinegrippe, um der Anstalt fern bleiben zu können. Kein Wunder, dass sich so wenige dagegen impfen lassen.
Draußen scheint die Novembersonne. Eine Ärztin sagt: Diese Herbstsonne, das ist doch das Letzte!! Und dreht die Jalousien herunter. Sie fühlt sich geneppt von ihr, weil sie etwas vortäuscht, was sie nicht halten kann.
Gedanken sind frei, aber meine sind trüb und verhangen. Dem November angepasst. Leider scheint die Sonne durchs schlierige Fenster, weil ich die Jalousien wieder hochgezogen habe. Das ergibt irgendwie ein unstimmiges Bild.
Aber morgen -für morgen da ist richtig schlechtes Wetter angesagt. Kalter Wind und Regen bis Schneeregen.
Da passt dann wieder alles zusammen. Das Innere zum Äußeren.
Mich fröstelt.
DGKS Christine
Ein Montag Nachmittag im September
Hausverstand ade
„Ich hab schon Aloe vera drauf getan.“
Ein Hundebiss. Die junge Dame, deren Spaniel sie gestern in den Mittelfinger gebissen hat, hält uns den geschwollen Mittelfinger entgegen. Der ist überwärmt, gerötet und schmerzt. Es sieht nicht so aus, als wäre Aloe vera hier das Mittel der Wahl, auch wenn es sonst für Vieles ein probates Mittel ist.
Die Dame beäugt kritisch die Fingerschiene, die ich über den Verband anwickle.
„Was… aber… ja, kann ich da morgen schwimmen gehen?!“
Hausverstand ade.
„Wollen Sie Ihre Keime ein bisschen verteilen? Oder neue dazubekommen?“
Sie wirkt verärgert und bereut schon, hergekommen zu sein, das sehe ich ihr an. Aber wenn der Finger so aussieht, muss er ruhiggestellt werden.
„Und das Antibiotikum - muss ich das wirklich nehmen? Geh – das brauch ich nicht!“
Die Dame gehört zu jenen Menschen, die glauben, sie schauen kurz bei uns vorbei und gehen dann geheilt wieder hinaus. Hokuspokus, simsalabim. Ohne Eigenverantwortung, ohne selber etwas dazu beitragen zu müssen.
16.00
Ein Hobbygärtner in Raum vier. Er hat in das Schneidblatt des Rasenmähers gegriffen, eine klaffende Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger, auf die er ein Stück braunes Papier presst.
„Es hat einfach nicht aufgehört zu bluten! Und meine Frau ist nicht da…“
Aha, und allein findet er das Verbandszeug nicht. Er ist dabei, seine Blutgruppe im ganzen Raum zu verteilen, weil er immer wieder das Papier entfernt und nachschaut, ob’s noch blutet. Seine Latzhose ist schon ganz versaut. Ich muss den Mann beinahe nötigen, sich hinzulegen oder wenigstens zu setzen. Er will die Kontrolle behalten und wählt den Hocker.
Prüfend bewegt er Finger und Daumen. „Schaun’s her, ich kann alles bewegen. Die Sehnen haben nix.“
Ist eh super. Aber was veranlasst die Rasen-mähenden Menschen so oft, in diese Messer zu greifen?
„…war ja schon ausgeschaltet… Ich wollte das Messer herausnehmen, reparieren, irgendwas hat sich verklemmt...“
Und dann müssen SIE repariert werden. Ich richte alles her zur Wundversorgung, und der Mann legt sich nun doch hin.
Durchs Fenster fällt das goldene Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne und zaubert Reflexe auf die blanken Instrumente. Sie strahlt heller als die OP-Lampe.
Ein junger Mann, Unfall mit der Flex. Ein Stückchen Eisen hat sich in die Hand zwischen Daumen und Zeigefinger gebohrt. Sieht man schwarz auf weiß im Röntgen.
Der diensthabende Assistenzarzt J. schneidet die verschmutzte Wunde aus, entfernt den Splitter, näht zu, gibt eine Lasche hinein, damit sie nicht vorschnell zuheilt und Sekret abfließen kann.
Entfernung der Lasche in zwei Tagen.
Der Jüngling liegt in seiner Arbeitsmontur auf der Liege, blinzelt in die Sonne, vom Profil seiner knöchelhohen Arbeitsschuhe rieseln Sand und Lehm.
Mit der Tetanusauffrischung warten wir, er sieht zu Hause im Impfausweis nach, wahrscheinlich ist er noch geschützt aus der Schulzeit, und der Tetanusschutz besteht zehn Jahre. Nach derzeitigem Wissensstand.
Impfgegner behaupten, die Gefahr durch einen Autounfall zu sterben sei ungleich größer als durch Wundstarrkrampf. Das kann man nicht so einfach sehen, denke ich.
Wir wissen ja nicht, wie viel Menschen erkranken bzw. sterben würden, wäre die Bevölkerung nicht so durchgeimpft.
„Die Hand tut weh… da…“ Der Zwölfjährige hat sich beim Trampolinspringen unglücklich angeschlagen. Nichts gebrochen, Glück gehabt. Beim Trampolinspringen gibt’s oft ärgere Verletzungen.
Ein anderer kommt mit dem Roten Kreuz. Kleiner Cut am Hinterkopf, im Freibad ausgerutscht, noch herrscht Badewetter, der Bademeister hat die Rettung gerufen.
Der Junge kriegt drei Klammern in die Kopfhaut getackert, und das relativ lange, von Blut verklebte Haar zu reinigen dauert länger als die übrige Prozedur.
DGKS Christine
Ein Gespräch, sagt Hermine, setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.
Warum bist du Krankenschwester geworden?
1. Teil
Ach Hermine – warum tut man das, was man tut? Warum wird der Tischler Tischler?
Weil er gern mit Holz arbeitet. Oder den Betrieb übernehmen muss.
Eben. ICH arbeite gern mit Menschen.
Na, da hättest du ja auch Verkäuferin oder Friseurin werden können…
Das hat mich aber nicht interessiert! Das wäre mir zu… zu wenig gewesen…
Dein Streben ging nach was Höherem?
Nein, nicht Höheres…diese Berufe sind ja wichtig und äußerst sinnvoll! Im Gegenteil! Ich wollte eine Arbeit, die TIEFER geht. Die nicht nur an der Oberfläche kratzt…
Dich interessiert also das, was UNTER der Oberfläche verborgen ist?
Jaaa…
Und das hast du schon als Teenager gewusst?! Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt, meine Liebe?
Weiß nicht… irgendwie… ich hab da aus dem Bauch heraus entschieden. Ich bin mit meiner Freundin einfach drauflos, und wir haben uns im Krankenhaus erkundigt, ob sie uns brauchen als Ferialpraktikanten. Unsere Eltern haben nichts gewusst davon.
Na, die waren wohl erfreut darüber? Dass ihr endlich was arbeitet?
So ungefähr, ja… wir haben uns da in den Ferien voll hineingesteigert, volles Engagement.
Wolltest du eine Arbeit, wofür du… geliebt wirst? Einen höheren Wert kriegst? Dass dann so ein Kranker sagt: Sie sind einzigartig, Schwester, was täte ich nur ohne Sie?
Geh, Hermine… das würde ja heißen, ich wäre von schwachen, kranken, bedürftigen Menschen abhängig!
Soso. Und das gefällt dir nicht, wenn einer sagt: Sie sind wahrlich ein Engel !
Hermine, ich bin doch nicht Florence Nightingale!
Wer ist das jetzt wieder?
Na, das ist der Krankenpflegerin-Archetyp sozusagen…. Obwohl… Mir fällt ein…
Jaaa?
… da gab es in der Nachbarschaft ein Mädchen, acht Jahre älter als ich, die lernte Kinderkrankenschwester, und die haben wir alle angehimmelt, die konnte so gut mit uns Kindern umgehen. Ich wollte so werden wie sie.
So so, du wolltest auch einmal so angehimmelt werden?
Na, du weißt schon, unbewusst halt. Ich war ja noch ein Kind damals.
Ich sehe, diese Person hat den Grundstein gelegt…Und warum bist du in der Pflege geblieben? Grundsteine werden ja meist einige Male verschoben…
Ich wollte eh am Anfang gleich wieder weg! Da hat man mich als junge Schülerin zu einer Sterbenden hineingesetzt, zum Mund befeuchten, und wenn die ihre Augen aufmacht, dass jemand da ist. Eigentlich ein menschlicher Ansatz. Hat mich aber damals nur erschreckt.
Tja, oft ist die Zukunft schon da, bevor man ihr gewachsen ist… Aber du bist dabei geblieben?
Ja. Ich habe gemerkt, dass es befriedigend ist, mit Menschen zu arbeiten, von denen unmittelbar etwas zurückkommt. Oder für sie, je nachdem. Meine Oma hat immer gesagt: mach das, Kind, da kriegst du immer eine Arbeit.
Stimmt ja auch.
Mhm. Aber manchmal…
Was?
… da frage ich mich, ob ich das ein ganzes Berufsleben lang aushalte. Manchmal bin ich zu nah an Menschen dran, da geht alles zu tief, da werd‘ ich hinab gezogen, ein richtiger Sog entsteht da, und ich muss aufpassen, dass ich nicht im Strudel untergehe.
Fortsetzung folgt
DGKS Christine
Warum bist du Krankenschwester geworden?
2. Teil
Verstehe… und wie schützt du dich davor? Vor dem Hinab-gezogen-werden?
Wir können Supervision beantragen. Oder ich wechsle in einen anderen Bereich, die Möglichkeit besteht ja meistens. Dann passt es wieder. Eine Zeitlang. Ich unternehme auch viel abseits meiner Arbeit… Trotzdem frage ich mich…
Hm?
… ob ich nicht doch am Helfersyndrom leide?
Wieso: leidest du?
Na ja. Ich muss immer schauen, dass nichts auf der Strecke bleibt. Meine Kreativität, meine Vitalität, Privatleben, du weißt schon. Das hängt immer auch davon ab, ob genug Personal da ist.
Das Helfersyndrom hat so ein Image, das finde ich mehr als komisch! Wo wären wir, gäbe es keins? Ha? Die Caritas, die SOS Kinderdörfer, amnesty, der WWF, Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz, die Freiwillige Feuerwehr - alle diese Institutionen könnten brausen gehen ohne Menschen mit Helfersyndrom!
Hihihi, du hast die Bergrettung vergessen!
Ich habe hier VIELE vergessen, weil sie mir auf Anhieb gar nicht alle einfallen! Ein bisschen davon schadet doch nicht !
Du baust mich auf, Hermine.
Helfersyndrom heißt doch auch, dass etwas einen Sinn HAT und einen Sinn SPENDET! Warum sollst du nicht auch ein wenig davon haben?
Also – vielleicht war schlussendlich meine Hauptmotivation, in die Pflege zu gehen, das Helfersyndrom?
Vergil glaubt, man ist in der Lage etwas zu tun, weil man glaubt, dazu in der Lage zu sein. Weißt du, was ich glaube?
Sag´s mir, Hermine.
Eine Umfrage vor etlichen Jahren hat ergeben, dass mehr als ein Drittel aller österreichischen Männer sich eine Krankenschwester zur Frau oder Freundin wünschen!
Pah! Das hast du aus der Kronenzeitung!
Die von diesen Männern gelesen wird…
Das sagt doch gar nix! Die wollen doch nur bemuttert werden, Hermine!
Nein! Pflege macht erotisch, glaub mir! Die Kerle wollen eine fürsorgliche, mitfühlende, geile Krankenschwester zu Hause. Denk nur an den „Krankenschwesternreport“.
Haha, Hermine, das ist ewig her… und geil sind wir nur, wenn wir keine Nachtschichten, langen Dienste, Überstunden,… machen. Also selten genug.
Ihr wisst über alle Körperfunktionen Bescheid, und übers Leben schlechthin –
Das wissen z.B. Ärztinnen auch…
Ja, aber die sind nicht so nah am Leben dran, die sind zu akademisch. Ihr seid geheimnisvoll.
Waaas sind wir???
Du hörst richtig, mein Kind: Pflegende umgibt ein Geheimnis! In eurer Macht liegt es, ob sich ein Kranker wohl fühlt oder nicht, ob er gut schläft, ob er sich Essen eingeben lässt oder nicht, du stehst neben ihm, wenn er gackst. Das sind existenzielle Dinge, die berühren das Innerste, und wenn sich da ein Mensch berühren lässt, dann teilst du mit ihm ein Geheimnis!
Hermine, glaubst du wirklich, ich bin DIESER Gründe wegen in der Pflege tätig? Weil Pflege GEHEIMNISVOLL ist und EROTISCH macht?!
Gibt’s vielleicht nicht auch einen etwas profaneren Grund?
Was hast du da jetzt speziell im Auge?
Eher im Ohr, du hast vorhin deine Oma erwähnt… Kriegst du am Ende auch BEZAHLT für deine Arbeit, ha?
Ja, stell dir das vor!
Na, dacht‘ ich’s mir doch…
DGKS Christine
Hermine hat in einem früheren Leben als Musikpädagogin gearbeitet. In ihrer Vorstellung ist jeder Mensch, jedes Lebewesen, ein Resonanzkörper, den man durch Berühren zum Schwingen bringen kann. Ihrer Ansicht nach mangelt es aber oft an entsprechend gespannten Saiten, oder der Resonanzkörper liegt nicht frei genug.
Woran erkennt man eigentlich gute Pflege?
1. Teil
Ja, ist das nicht sonnenklar? An zufriedenen Patienten natürlich!
Heißt das, wenn ein Patient mit euch unzufrieden ist, ist es schlechte Pflege?
Hm… SO einfach ist das nicht. Gute Pflege erkennt man auch daran, wie es den PFLEGENDEN geht.
Ah. Wieso das jetzt?
Na, wenn es einer Pflegenden schlecht geht, kann sich das nur negativ auf ihre Arbeit auswirken, und das spüren dann die Patienten, und die Mitarbeiter.
Du meinst, eine unfreundliche oder traurige Pflegerin kommt nicht so gut an?
Das auch. Da wird ja viel Beziehungsarbeit geleistet, wo direkt AM und MIT Menschen gearbeitet wird. Ich mache ja nicht nur die Tätigkeit, die ich grad mache - das könnte ja dann ein Roboter auch – sondern ich mache sie GENAU SO, auf MEINE Art eben, ich bring da auch noch was Anderes rüber, ich bin ja in einer Beziehung zu diesem Menschen…
Das wäre ja dann bei einem Schalterbeamten dasselbe. Also, mir ist es ziemlich wurscht, ob der Postler, der mein Paket abwiegt, gut drauf ist oder nicht.
Das lässt sich doch nicht vergleichen, Hermine! Natürlich ist dir ein lustiger Postbeamter lieber, gib’s zu! Aber bei meiner Arbeit… da geht es ja nicht nur um Freundlichkeit, da geht es um soziale Kompetenz!
Arghhh, bei diesem Begriff stellen sich mir die Haare auf!!
Aber, aber, Hermine! Warum denn?
Weil die sogenannte soziale Kompetenz ja schon überall gefordert ist, auch im täglichen Leben! Das ist inflationär! Soviel kann´s ja gar nicht geben!
Wie willst du das sonst nennen?
Was denn?
Na, das, was von uns gefordert wird. In welchem anderen Beruf wird ständig die Intimsphäre eines Menschen verletzt? Wo sonst kommt man einem andern Menschen so nahe, dass man in seine Körperöffnungen sieht? Gar darin herum werkt? In welchem Beruf sonst wird ein Mensch so häufig und wohl auch ungewünscht berührt? Da kann ich nicht ein Maß hernehmen für alle, da geh ich bei jedem anders vor. Und das muss ich zuerst herausfinden, und zwar schnell und nebenbei.
Ja, so gesehen… Wenn dir das gelingt – dann bist du kompetent. Sozial sowieso.
Wo sonst noch ist die Angst eines Menschen so spürbar? Erfährt man Dinge, von denen er selber bisher nichts wusste? Ich habe in langen Nachtdiensten oft mehr von einer Patientin erfahren, als ihr Partner je von ihr erfahren wird.
Aber der Begriff gefällt mir nicht, der ist zu platt. Also, wieder zurück an den Anfang: Wenn es dir gut geht und die Patienten sind zufrieden, dann ist deine Pflege gut?
Ach wirklich, die Patienten sind ja nicht so leicht zufrieden! Da müssen die Arbeitsabläufe passen, Standards eingehalten werden, sie müssen das Gefühl haben, so eine Pflegekraft zerfranst sich für sie, kennt sich aus und ist tüchtig. Und freundlich muss sie sein und die Patienten aufmuntern in ihrem schweren Dasein. Und wir stehen ja nicht allein da im Universum, sprich: wir sind mit anderen Berufsgruppen vernetzt, und das muss natürlich gepflegt werden, das Netz, oft auch erst gesponnen…
… also, ich fasse zusammen: Die – von mir aus - soziale Kompetenz der Pflege erstreckt sich nicht nur auf Patienten, sondern auch auf Netze, die gesponnen werden, und auf die eigene Befindlichkeit?
Fortsetzung folgt
DGKS Christine
Woran erkennt man eigentlich gute Pflege?
2. Teil
Ja, sicher! Und die Angehörigen nicht vergessen! Und in diesem Netz ist oft ganz enges Zusammenarbeiten notwendig, das muss aufeinander abgestimmt sein, weil: allein wäre ich ja oft machtlos. In der Pflege ist man ein Team-Player.
Und jeder in diesem Netz bringt auch wieder seine eigene Befindlichkeit ein?
Das denk ich doch, sind ja alles Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten! Drum ist Pflege ja so komplex. Ein komplexer Haufen. Etwas komplett Komplexes. Früher, weißt du, da genügte es, den Patienten warm, satt, sauber zu halten. Und er durfte nicht wundliegen.
Und heute? Ist das nicht mehr genug?
Nein. Heute muss alles evidence-based sein, wir pflegen Pflegeprozess orientiert, d.h. wir formulieren Ziele und achten darauf, dass die Ergebnisqualität stimmt.
Hm, das klingt ja angestrengt nach Wissenschaft. Und den Kranken, denen gefällt das? Irgendwie wird‘ ich das Gefühl nicht los, das stimmt mit dem vorher Gesagten nicht ganz überein.
Doch, doch, Hermine. Manchmal hab‘ ich allerdings das Gefühl…
Ja?
… wir planen über den Kopf des Patienten hinweg Dinge, die er so vielleicht gar nicht will. Dass unsre Ziele nicht unbedingt seine sind, besonders wenn er dement ist, wenn sich Angehörige einbringen…
Nach dem Motto: Weniger ist mehr?
Hm, möglich. Wir verlieren uns gern darin, alles nachweisen zu müssen… für alles den Grund zu kennen.
Frankl sagt hierzu: Das Forschen nach dem WARUM ist immer Erfolg versprechend, aber selten hilfreich.
Hihi, Hermine, wie unsre Gespräche hier…
Sag mal, und das lernt ihr alles während eurer Ausbildung?
Na, nicht direkt. Das wächst, da wächst man mit den Aufgaben, wie es heißt. Drum wäre auch eine glückliche Mischung, wenn alte, mittelalte und junge Semester zusammen in einem Team wären. Da könnten alle ungemein voneinander profitieren! Die Jungen bringen frischen Wind und hindern die Älteren am Erstarren…
…die aber die Jungen dafür am reichen Erfahrungsschatz teilhaben lassen.
Das wäre der Idealfall, ja. Dann gibt es Abteilungen, oder die Hauskrankenpflege, da ist es von Vorteil, wenn man eine gewisse Lebenserfahrung hat. Da tut man sich dann leichter, da kann man mit diesem Erlebten besser umgehen. Du glaubst ja gar nicht, was sich da an Abgründen auftut, wenn man anderen Menschen, also den Kranken, oder Angehörigen, so nahe kommt! Oder an Schlinggewächsen sichtbar wird. Und da sollte man sich nicht verheddern oder hineinfallen.
Hm. Hm. Das ist ja ein Dschungel ! Da lob‘ ich mir meine Alm, da ist alles schön übersichtlich… Sag mal, du hast jetzt einiges erklärt, aber eins noch immer nicht: Woran erkennt man gute Pflege?
Ehrlich gesagt, Hermine: Ich weiß es selber nicht genau.
DGKS Christine
Was tut eigentlich die Pflege?
2. Teil
Ach geh… Hautpflege, Windel wechseln, zwischendurch auf die Glocke reagieren, Patienten müssen aufs WC, brauchen Schmerzinfusionen, Spritzen, der Perfusor ist neu zu befüllen, Vitalzeichen kontrollieren, beim Schädel-Hirn-Trauma auch die Pupillenreaktion. Bevor wir mit einem Frischoperierten aufstehen, messen wir den Blutdruck, verbinden Venenkatheter neu, bandagieren Beine. Immobile Patienten betten wir so, dass sie nicht wundliegen und fördern gezielt ihre Mobilität, andern geben wir Hilfestellung beim Aufsetzen, Aufstehen. Kontrolle der Ausscheidungen, und ob das zusammenpasst mit dem, was sie eingeführt haben. Herausfinden, warum ein Katheter nicht mehr funktioniert. Verbandskontrolle. Wickel. Klistiere.
Dabei schleppen wir immer die PflegeDokumentationsmappen mit, worin wir dann alles dokumentieren, was wir gemacht haben. Das dauert dann oft genauso lang wie die eigentliche Handlung.
Was! DAS wird alles aufgeschrieben?!
Ja, sicher, d.h. Vieles ist schon vorgegeben, so eine Art Checkliste, und wir haken es nur noch ab, mit Handzeichen. Das sind Standards.
Hm. Interessiert das irgendwen, das ganze Geschreibsel?
Nicht wirklich. Aber was nicht dokumentiert worden ist, das ist nicht geschehen! Hat auch rechtliche Gründe. Es muss alles nachvollziehbar sein. Bei Neu-Zugängen: die Erst-Anamnese ausfüllen, kann bis zu 20 Minuten dauern, je nachdem…
Und die Leute wissen immer, wann ihr ins Zimmer kommt? Damit sie sich vorbereiten können?
Wieso sollen sie sich vorbereiten, Hermine? Wir fangen in einem Zimmer an und arbeiten uns vor… die ersten Patienten kommen vom OP retour, also die kleinen Sachen. Patienten mit großen Operationen liegen für einen Tag auf der Überwachungsstation, die kriegen wir am darauffolgenden Tag zurück.
Klingt nach System…
Ja, über das Ganze spannt sich ein Rahmen, der nennt sich Pflegeprozess, d.h. es wird erhoben, geplant und evaluiert. Mit Zeitangaben, wann ein Ziel erreicht werden soll. Das tippen oder kopieren wir alles in den PC, und das ist eine Heidenarbeit, kann ich dir sagen!
Hm. Rousseau sagt, der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.
Aber nur so gelingen die Abläufe halbwegs, Hermine. Und dazwischen, daneben und immer wieder: beruhigen, trösten, loben, aufmuntern. Hoffnung verbreiten, Fürsorge vermitteln, etwas zum x-ten Mal erklären, weil es für einmal zu viel Information war. Motivieren, den Geist reaktivieren, zwischen den Worten verstehen, vom Gesicht ablesen, aktiv zuhören. Und scherzen und lachen, denn das mögen fast alle Patienten am meisten.
Und das schreibt ihr auch auf.
Nein, das nicht.
Also ist es quasi nicht geschehen…
Genau. Das passiert einfach so nebenbei.
Mir brummt jetzt der Schädel… Und wann gibt’s Mittagessen? Oder kriegt das nur, wer sich morgens gewaschen hat…?
DGKS Christine
Hermine ist 76, hat eine kleine Statur, eine große Klappe und ein ebensolches Herz. Im Sommer hütet sie Schafe auf einer Alm, lebt aber nicht hinter dem Berg. Ihr Lieblingsschaf heißt ‚Mulder‘.
Was tut eigentlich die Pflege?
1. Teil
Wie… was meinst du damit…
Na, eure Arbeit halt! Ich nehme mal an, es gibt außer Blutdruck messen auch noch andere Tätigkeiten? Was noch? Hinter den Ärzten her scharwenzeln?
Also bitte, Hermine! Du schaust wohl zu viele Krankenhausserien?
Ich schaue überhaupt nicht fern. Aber ich kenn einige Ärzte, und die sind mit einer Krankenschwester zusammen. Und mein Hausarzt (ups, hab ihn jetzt jahrelang nicht gesehen) auch. Also, da drängt sich doch die Frage auf?
Du kannst doch nicht von ein paar Personen auf den ganzen Berufsstand schließen!
Hast du auch was mit einem Arzt? Oder warum regt dich diese Frage so auf…
Weil das ein Klischee ist, Hermine!
Klischees haben doch immer einen wahren Kern.
Wenn wir viel Zeit im Krankenhaus verbringen und mit dieser Berufsgruppe zusammenarbeiten, kann es halt passieren, dass es manchmal knistert! Nachtdienste, lange Wochenenden, viele Extremsituationen – da lernt man sich dann recht gut kennen, ist doch logisch… Aber wir scharwenzeln ihnen sicher nicht hinterher! Da wären ja meine männlichen Kollegen schön im Hintertreffen!
Hmpf… Was macht ihr also? Ihr in der Pflege? Du auf der Chirurgie?
Fangen wir in der Früh an: Dienstübergabe vom Nachtdienst, Tabletten austeilen, Frühstück, dann kommt die Visite, da geht die jeweilige Zimmerschwester mit, da werden Verbände geöffnet, Drains entfernt, frisch verbunden. Dann arbeiten wir aus, was angeordnet wurde, also administratives Zeug. Operations-Vorbereitungen, obwohl - das meiste hat da der Nachtdienst schon erledigt. Dann beginnen wir mit der Grundpflege, Waschen und so, Hilfe beim Waschen –
Ich muss mich im Krankenhaus morgens waschen?!?
Ja, bitte, Hermine, du wirst dir wohl das Gesicht morgens waschen? Zähne putzen?
Na, das schon. Aber sonst nix.
Ein wenig Katzenwäsche auch nicht?
Also nein! Ich dusche immer am Abend, und als Patient fange ich sicher nicht morgens an damit. Ist ja ein ekliger Gedanke!
Am Abend ist bei uns aber keine Zeit, da fehlen die Ressourcen…
Dann wasch ich mich gar nicht. Muss ich das jetzt in die Patientenverfügung schreiben?!
Fortsetzung folgt
DGKS Christine
Hermine ist 76, klein, mit einem dicken blonden Zopf, und hat bisher höchstens als Besucherin ein Krankenhaus von innen gesehen. Sie lebt den Sommer über auf der Alm, ist vorlaut und neugierig und geht den Dingen gern auf den Grund. Eine Unterhaltung mit ihr ist belebend - wie eine Flasche Champagner, die man vor dem Öffnen etwas geschüttelt hat.
Warum macht ihr jetzt so ein Tamtam um euren Beruf?
Wir wollen wahrgenommen werden, Hermine!
Ja, das will doch jeder, aber warum gerade jetzt?
Weil – die Zeit reif ist dafür! Es gibt immer mehr Pflegebedürftige, immer mehr und ältere Mitbürger, und dem wird von der Ausbildung her, von der Politik, kaum Rechnung getragen! Die Rahmenbedingungen passen nicht zu den Anforderungen, die an unseren Beruf gestellt werden!
Ups, jetzt musst du dich aber aufregen…
Sie holen sich lieber Betreuer aus dem Ausland, bevor sie HIER etwas ändern. Wir, die Pflegenden, werden immer hingestellt als liebe Helferchen, die zu allem JA und AMEN sagen sollen!
Da gehören aber immer ZWEI dazu. Die Schafe sorgen doch dafür, dass Ordnung herrscht im Rudel der Wölfe!
Hermine, bitte! Wer sind die Wölfe??
Ja was weiß denn ich! Das System, die Politiker, die Geldgeber, die Leitung,… Halt die, die sich als Wölfe deklarieren.
Du meinst, zum Wolf ist man nicht geboren?
Es sind ja keine richtigen – sie ziehen sich nur das Wolfsfell an … Ihr müsstet den Spieß einfach umdrehen.
Aber andersherum funktioniert es nicht, glaub mir. Die Pflege sieht sich nicht knurrend und zähnefletschend. Die Pflege will –
Ruhig vor sich hin arbeiten, nicht wahr? Ohne Rampenlicht und großes Gemeckere das tun, was getan werden muss.
Hm…
Siehst du, das ist euer Problem! Ihr wollt gar nicht an die Öffentlichkeit! Die meisten wollen in Ruhe einfach ihre Arbeit tun. Dabei seid ihr schon öffentlich. Pflege IST öffentlich!
Wieso…
Ja, sicher! Passiert doch alles im öffentlichen Raum! Dein Beruf ist so öffentlich, dass es den Leuten weh tut, immer mit der Nase darauf gestoßen zu werden! Davon kriegen sie schnell Nasenbluten!
Du meinst, weil mit dem Pflege-Thema auch das Andere öffentlich wird? Das Vergängliche, das -
Genau! Und das Hinfällige! Keiner hat Lust, ständig mit seiner eigenen Hinfälligkeit konfrontiert zu werden. Das hindert einen doch daran, zu leben!
Seh ich nicht so. Wenn ich mir des Einen bewusst bin, kann ich trotzdem das Leben genießen – vielleicht sogar bewusster und intensiver!
Ach, was, das ist immer mit viel Denkarbeit verbunden. Mit Fragen nach dem Woher und Wohin. Ob etwas einen Sinn hat oder nicht.
Eben! Es schadet doch nicht, sich beizeiten mit so Themen wie Krankheit und Tod auseinanderzusetzen.
Wieso glaubst du das? ICH will mich nicht mit dem Thema auseinandersetzen, danke schön! Mir genügt das, wenn ich auf ein Begräbnis gehen muss, Krankenbesuche meide ich, wo’s geht. Ich hab nicht mehr viel Zeit hier, die will ich mir nicht mit solchen Themen versauen! Verdrängen ist manchmal recht nützlich…
Hermine, du lebst doch noch ewig! Außerdem: das Leben ist einem ständigen Wandel unterworfen, alles ist in Bewegung…
Ja, ja, aber wer will daran erinnert werden, hm? Wenn schon Wandel, dann hin zum Besseren. Nicht zum Kranken, Siechen-
Also bitte! Siechtum klingt nach Mittelalter, nach Gestank, nach Verwesung…
Überhaupt: wenn’s in Krankenhäusern immer so eigenartig riecht, wer geht da schon gern hin, wer will sich da mit euch in der Pflege auseinandersetzen? Bei diesem Geruch, ha?
In Krankenhäusern riecht es so, weil da viele Menschen auf einem Haufen sind.
Quatsch. Das ist in der Schule auch, oder im Kino. Oder in der Kirche. In keiner Kirche stinkt’s so wie bei euch im Krankenhaus! Oder erst im Pflegeheim! Was ist das eigentlich? Karbol?
Hermine, Karbol ist out.
Was riecht dann so penetrant? Die Krankheiten? Körperflüssigkeiten? Medikamente? Ist der schon in den Wänden gespeichert, dieser Geruch?
Alles zusammen wahrscheinlich. Sag mal: Hast du eine Krankenhaus-Neurose, Hermine?
Würde mich nicht wundern.
Erwin Böhm, der Begründer der reaktivierenden Pflege, sagt, jeder von uns trägt im Durchschnitt 16 Neurosen mit sich herum.
Hm...Wirklich? Dabei kennt mich der gar nicht.
DGKS Christine